Über mich

Ich wurde an einem Aschermittwoch geboren. Dem 23. Februar im Jahre 1977. Natürlich wusste ich weder was ein Aschermittwoch war, noch was es bedeutet geboren zu werden.

Ich war eben einfach da.

Meine Familie war, was man damals wohl als bodenständig, normal und angeglichen bezeichnen würde. Nur dass mein Vater Ungar war, verdross zumindest meine Großeltern. Ob dies irgendwas für ihn bedeutete weiß ich nicht. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass sie es ihm leicht gemacht haben.

Rückblickend war es wohl für niemanden leicht. Mein Vater sah mich erst als ich das dritte Lebensjahr erreichte. Sein Pflichtdienst in der ungarischen Volksarmee riss bestimmt so einige Lücken. Ich durfte diese Lücke besonders spüren. Trotz aller Versuche, die Liebe und Aufmerksamkeit eines Vaters zu ergattern, scheiterte ich doch kläglich und wohl in allen Details. Zum ersten, weil ich ein Mädchen bin und zum zweiten, weil mir der Vater ebenso fremd war wie ich ihm. Vielleicht habe ich ihn damals sogar als Störung empfunden. Ich erinnere mich kaum aber vermute es, denn der Hass und die Gewalt seitens meines Vaters kannte selten Milde.

Eine glücklose Kindheit würde ich es dennoch nicht nennen. Auch oder vielleicht obwohl ich in der DDR aufwuchs. Da meine Eltern (meine Familie im allgemeinen) ziemlich unauffällige Mitläufer waren, verlebte ich eine sehr leichte Zeit mit dem Gefühl überall und von jedem, nur eben nicht von meinem Vater, willkommen zu sein. Die spätere Scheidung meiner Eltern, der Kampf um das Sorgerecht meiner Schwester waren sehr prägende Erfahrungen. Glücklicherweise sind meine Schwester und meine Mutter immer noch eine sehr prägende Erfahrung für mich. Und ich schreibe das nicht ohne Stolz. Denn es gab wahrhafte Klüfte zu überspringen. Wir haben es gemeinsam geschafft.

Mit 6 Jahren schulte man mich in eine Polytechnische Oberschule ein. Und kaum konnte ich lesen, las ich. Kaum konnte ich schreiben, schrieb ich. Ich liebte das rezitieren. Liebte das Spiel mit den Rollen. Liebte Goethe, Schiller, Heine und Shakespeare und mein Idol war lange Zeit Karl May. Leider fand sich niemand, der meinen Interessen den nötigen Schubs in eine zukunftsträchtige Richtung gab. Denn so wie ich nicht ahnte, was es bedeutet am Leben zu sein, ahnte ich auch nicht, dass diese Interessen mein Leben lang halten und es teilweise sogar bestimmen würden.

Ich würde lügen, wenn ich alle Schuld einem gescheiterten oder dann aufkommendem System in die Schuhe stecken wollte, aber ganz ohne Hilfe geht selbst der Abstieg nicht.

Was ich auszudrücken suche, ich kann keinerlei Abschlusszeugnis vorzeigen. Das Chaos einer Revolution, die Unbeholfenheit einer Pubertierenden, die Ängste eines ungeliebten Kindes und die Frage nach dem Sinn meiner Existenz schliffen an dem, was ich heute bin. Für die einen die gescheiterte Existenz und für andere eine Närrin, die immer noch nichts begriffen hat.

Und gescheitert bin ich in vielem. Verstanden habe ich davon auch nicht alles. Es gab einmal ein Haus, es gab einmal einen Verlobten, es gab einmal eine Zeit voller Arbeit, Anerkennung und Geld. Alles, was andere zu erreichen suchten, habe ich erreicht und fast alles davon auch wieder verloren. Im Grunde stolperte ich so dahin und nahm alles mit, was sich tragen ließ. Alles. Nur nicht mich.

Es gab keine Konstante in meinem Leben. Es sei denn, ich schrieb darüber. Das Gedächtnis der vorangehenden Worte, der Zwang die Gedanken in einem Fluss zu ordnen, halfen mir die Frage nach dem Sinn meines Lebens zu verstehen. Schreiben half mir auch andere Menschen zu sehen und während ich früher schrieb um loszuwerden, schreib ich jetzt um aufzunehmen. Um zu bewahren. Denn die Geschichten des Lebens geschehen jeden Tag. Und jeden Tag überstehen Menschen Chaos und Leid, brechen ein, fallen und stehen wieder auf. Ich will schreiben von dem, was die Zeit nicht heilt. Den Menschen aber schon. Ich will Dir nichts verkaufen. Denn was mich bewegt und was ich bewahren will, kann man nicht kaufen. Nirgendwo und zu keiner Zeit. Ich will Dich auch nicht bekehren, verändern oder erziehen. Das kann ich ohne hin nicht. Aber berühren und gedanklich verführen, vielleicht ein wenig entrücken in das große Reich des Dazwischen.